A.C.A.B.

Posted in Uncategorized on Februar 12, 2015 by gegen Goliath

Das ich einmal vor dem Polizeirevier stehe und dort einen Einstellungstest absolvieren würde hätte weder jemand anderes, noch ich selbst mir geglaubt.

Doch wenn man seinen Traumberuf Redakteur wegen Stellenmangels an den Nagel hängen muss, greift man manchmal zu unüberlegten Handlungen. Mit dem Mut der Verzweiflung versuchte ich, den Spießern dieser Gesellschaft Glauben zu schenken und bewarb mich bei der Kriminalpolizei für den gehobenen Dienst. Guter Lohn, sicherer Job… .

Als großer Krimi-Leser und wöchentlicher Tatort-Gucker konnte ich mir das durchaus vorstellen. Wie Ballauf und Schenk am Stand mit Currywurst und Bier stehen und für Gerechtigkeit sorgen. Aber ein Bekannter von mir, der selbst Streifenpolizist ist meinte, ich sei da auf dem Holzweg. Vielmehr gehe es darum, zentnerweise Papierkram zu erledigen und neuerdings auch Fahrraddiebstahldelikte zu verfolgen. Bei einer Aufklärungsquote von etwa 0,5% benötige man dafür eine große Frustrationstoleranz. Ich entgegnete ihm, ich sei als Hertha-Fan sehr viel Frustration gewöhnt.

Auch meine Schwester meinte ACAB, da ist schon was dran. Ich sei zu moralisch dafür. Außerdem sei ich zu sensibel für die Machtspielchen, getrost dem Motto: „Ich will nix, ich kann nix – Gebt mir ´ne Uniform!“

Ich bildete schon eine gewisse Abneigung, bestand jedoch die zwei Auswahlverfahren am heimischen PC und wurde zum Einstellungstest in die Keibelstraße 36 eingeladen, dem früheren DDR-Polizeigefängnis und heutigen Polizeirevier der Direktion 3 – Abschnitt 32.

Nachdem ich mir online einen Termin aussuchen musste, wählte ich den einzig übrig gebliebenen. 12.2.2015 um 7:00 Uhr. Na vielen Dank auch, dachte ich mir.

Ich überlegte, da ich mich im Kopf und im Bauch bereits von einer Polizeikarriere verabschiedet hatte, nicht hinzugehen. Doch auf Rat einer Bekannten entschied ich mich, teilzunehmen und sah mich als eine Art junger Günter Wallraff.

So rückte der Tag des Auswahlverfahrens näher.

Am 12.2. klingelte mein Wecker um 5:00 Uhr, mitten in der Nacht. Draußen war es noch dunkel, meine Kaffeemaschine war zum Glück programmiert, sodass ich langsam aus dem Halbschlaf erwachte. Nach ausgiebigen Frühstück von Kaffee und Zigaretten machte ich mich los zum 200er Bus, der mich zum Revier nahe dem Alexanderplatz brachte. Es war noch dunkel und ich fand die Hausnummer 36 nicht. So klingelte ich bei der Wache und durch die Sprechanlage tönte nur ein preussisches „jawoll“? Ich entgegnete ihm, ich wolle zum Auswahlverfahren. Zurück kam nur, ich hätte den ersten Test schon nicht bestanden weil ich an der falschen Hausnummer geklingelt hätte. Spaßvogel, dachte ich mir. Er wies mich zurecht, ich möge doch 100 Meter nach links gehen und dort im Eingangsbereich warten. Der Pförtner dort sagte mir, dass ich abgeholt werde. Ein stark hinkender Mann, der kaum sprechen konnte, befahl, ich solle mitkommen. Zumindest interpretierte ich das aus seiner Gestik. Ich fühlte mich nicht wohl in der Höhle des Löwen. Vor der Bullerei hatte ich bisher immer eher Angst und geholfen hat sie mir noch nie.

In der Dritten Etage angekommen, wurde ich in den Prüfungsraum geschickt. Dort saßen etwa 30 junge Männer und Frauen schweigend an IBM-Rechnern. Ich setzte mich und die Tür wurde geschlossen. Ein Mann in Polizeiuniform stand vorne und begrüßte und belehrte uns. „Abgucken oder reden wird als Betrugsversuch gewertet“ aber wenn Sie sich einen schönen Tag machen wollen, dann tun sie es“. Schon wieder so ein Spaßvogel, dachte ich. Vom Tisch mussten alle Utensilien verschwinden, lediglich ein Getränk und einen Stift und ein Blatt Papier für Nebenrechnungen genehmigte man uns. Und dann ging der computergestützte Test nach noch einigem Blabla los. Mit Mathematik und Logik fing das ganze an. Mitten in der Nacht, noch voll im Tran, brauchte ich eine Weile, um die zeitbegrenzten Aufgaben zu lösen. Es war definitiv noch nicht meine Uhrzeit und ich machte schon einige Fehler. Danach konnte ich das Hirn ausschalten und es ging über zu Fragen über die persönliche Einstellung. „Tolerieren Sie Schwarzarbeit wenn der Auftraggeber sich keinen Handwerker leisten kann? Kreuzen sie an auf einer Skala von 1-7“. Ich befürwortete es. Dann war endlich Pause. „Wer meint, rauchen zu müssen geht bitte auf den Innenhof auf die dafür ausgewiesenen Plätze“ plärrte der Obermacker noch. Wir waren fünf Raucher und quatschten ein bisschen über den Test. Ein Anderer, Typ Disco-Pumper, aß seine Banane und stolzierte nervös auf und ab, als ob er gleich den nächsten Baum zum trainieren oder drauf rumklettern suchte. Zwei Mädchen unterhielten sich nervös über die erste Prüfungshälfte. Die Bewerber waren sehr vielschichtig. Vom Hochschulabsolventen bis zum gerade 18 gewordenen Lehrling. Aber eines versicherte mir Sven sei fast allen gemeinsam. Etwa 90% der Bewerber seien beim Bund gewesen. Er hatte sich schon mehrmals beworben und ist immer wieder durchgefallen. Er wusste genau, wie das alles noch abläuft. Aber erst einmal noch die zweite Prüfungshälfte überstehen, dachte ich mir.

Bei den nächsten Aufgaben musste man sich Nummernschilder merken, die dann später seitenverkehrt abgebildet wurden. Man musste entscheiden ob diese vorher gezeigt wurden. Erst am Schluss wurde es angenehmer. Nach einem relativ einfachen Englisch-Test kam der Deutschtest und der Politiktest. Da war ich zum Ersten mal früher als in der vorgegebenen Zeit fertig. Aus Langeweile schielte ich zu meiner Banknachbarin. Die gute hatte es mit dem Solarium etwas übertrieben wie ich fand und saß verzweifelt vor den Politikfragen. Es amüsierte mich, wie sie den Dresdner Zwinger in München vermutete und die Polizei als Legislative Gewalt verortete.

Dann war der Test nach 3,5 Stunden endlich vorbei. Ein anderer Polizist kam mit einem Stapel Zetteln in den Raum. Die Absagen. Nun wurden die Namen genannt und ich hoffte, dass meiner auch dabei ist, denn ich wollte endlich einen Kaffee trinken und nicht noch zum Sporttest, um dort nach einem 2000 Meter Lauf unter 9:20 Minuten mir die Lunge aus dem Hals zu kotzen.

Tatsächlich nannte der Oberbulle zuerst mich bei den Leuten, die nicht bestanden haben. Ich war beruhigt. Etwa die Hälfte der Teilnehmer hatte es nicht geschafft. Die Leute, die nicht bestanden, sollten zügig den Raum verlassen. Wortlos gingen wir raus. Ich musste mir mein Grinsen etwas verkneifen, denn ich war froh. Draußen steckte ich mir ersteinmal eine Zigarette an, genoss dass schöne Wetter und ging zum Bäcker einen Kaffee trinken. Und am Ende kann ich nur sagen:

A.C.A.B. – Alles chique, allet bestensPolizeitest bearb

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